Gedenken (und Gedanken über Hingabe)

Gerade eine neue Seite und dann dies: ein Nachruf!? Wie seltsam? Aber bald ist es ein Jahr her und es beginnt ähnlich zu riechen und der Wind fühlt sich so an wie damals und ich habe jetzt schon fast ein Jahr mit ihrem wichtigsten Vermächtnis im Herzen gelebt und mich geübt… in Hingabe. Und deshalb ist dieser Nachruf dann vielleicht doch nicht ganz so seltsam, denn es ist wie es ist, es ist einfach dran. Sich den Gedanken hinzugeben, an Fanni und ich möchte diese gerne teilen.

Ein Nachruf auf FANNI (♱ 22.04.2021)


Das Jähren nähert sich und die ersten Sonnenstrahlen, der Wind, die ersten Frühblüher und die noch kahlen Bäume erinnern mich an die letzten Tage mit einer ganz besonderen Ponypersönlichkeit: Fanni, unsere Shettyline, die Ururoma, der kleine Strumpf. Sie war lustig, rührend, selbstbestimmt, unglaublich tapfer, unendlich freundlich und sie kam mir dabei so weise vor.

Nach unserem Umzug nach Niedersachsen hatte ich in meiner Pause auch endlich mehr Zeit für sie. Oft standen wir abends bei meiner letzten Fütterungsrunde im dunklen gemeinsam zusammen und verbrachten einfach Zeit miteinander. Ich hatte immer das Gefühl als flüstere sie mir etwas: „Anne nimm es leicht und sei. Es ist was es ist.“ Fanni nahm das Leben irgendwie immer so wie es gerade war, wusste aber auch, wo das schönste Lüftchen wehte oder eben nicht wehte und wie man jemanden mit kleinen höhöhö-Geräuschen eine ihrer geliebten Bananen aus den Rippen leierte, mit kleinen Dingen zufrieden war.

Sie hat sich in ihren späten 30ern, an ihrem letzten Ort, in eine 10er Herde mit großen bis sehr großen Ponies integriert, die Freundschaft der Herdenchefinnen gewonnen und sie hatte eine Freundin, die über sie wachte, wenn sie schlief, mitten in der Herde. Sie wurde gesehen und beschützt. Und dann wurde sie krank und immer kränker. Fanni kolikte in ihren letzten Tagen in Serie. Ich stemmte mich dagegen, mit aller Kraft. Es fühlte sich wie ein Kampf an. Wenn der Schmerz nachließ, legten wir uns manchmal einfach in die Herde, zu erschöpft um irgendetwas zu machen und um bei ihr zu sein und sie stand dann bei uns. Und ja, dann war die Welt schön. In diesem Moment war sie schön. Ich habe es einfach genommen, wie es kam, so wie Fanni. Und als es immer schlimmer wurde, aus schmerzfreien Tagen, nur schmerzfreie Stunden wurden, habe ich in einer Pause von ihren Schmerzen beschlossen, sie sollte nicht unwürdig in Schmerz und Krampf diese Welt verlassen. Es war schwer, dieses Loslassen, doch irgendwann war der Moment da, da schaute ich sie an und sie schaute mich an und in meinem Kopf kam der Gedanken an: Es ist jetzt gut! Ich kannte es schon vom Lebensende meiner Hündin Elsa. Ich hatte das Bild im Kopf sie ganz friedlich und schmerzfrei an einem guten Tag in der Herde gehen zu lassen und so ist es dann auch geschehen.


Es war seltsam ihr Sterben vorzubereiten. Ich habe mich mit der Tierärztin besprochen, ihren Pass dann nicht gefunden, mich dagegen gestemmt, gegen die Entscheidung, dann trotzdem hektisch Blumen, Kerzen und Bananen gekauft, mich zur Ordnung gerufen, sie mit meiner Tochter gemeinsam ein letztes Mal gepflegt, wurde ruhiger, habe bewusst ihre Wärme und Lebendigkeit erlebt, mir eingeprägt, wie sich ihr Fell anfühlt, ihren Geruch konserviert, wir waren mit ihr grasen und ich habe gemeinsam mit meiner Tochter eine letzte Stunde mit ihr in der Herde verbracht.

Die Herde stand ganz friedlich in der Sonne, der Wind ging, die Blätter rauschten, es waren die ersten Tage, die man einfach draußen verbringen konnte, die Welt stand ein wenig still für uns. Meine Tochter lehnte an mir, Fanni stand über uns, wir dösten, berührten uns, wir haben Fannigeschichten erzählt und wir waren einfach miteinander. Wir haben uns diesem Moment hingegeben. Es war in diesem Moment schön. Sie ist dann ganz leicht gestorben, in meinen Armen und ich habe in diesem Moment, wie auch schon in vielen Momenten davor, die tiefe Hingabe gespürt, mit der Fanni durch das Leben ging. Diese Hingabe war so berührend und ist ganz tief in mir als Gefühl zurückgeblieben. Wie ein Geschenk von ihr. Ein wirklich wertvolles und wunderbares Geschenk. Liebe Fanni, ich übe mich also weiter in Hingabe zum Leben und wenn ich mich mal wieder wütend gegen das Leben stemme, dann flüsterst Du mir durch den leichten Wind Worte zu, wie an unseren Abenden im dunklen, dann werde ich ein wenig weicher und es wird ein wenig leichter. Danke Fanni! Ich vermisse Dich so sehr!


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